Verbundenheit und Haft – Ein Grußwort aus Budapest zum Tag der „politischen Gefangenen“

Du, ich sitze hier am Schreibtisch, ich blättere im Gedichtsband von Semra Ertan, suche Worte und schreibe sie dir hier nieder. Nehme ein Schluck vom kalten Wasser und blicke auf all jene Worte, die geblieben sind. Sie, der Versuch des Entkommens von den Fesseln politischer Verhältnisse. Frage mich ob es zu „viele“ Worte seien, doch nun sind sie hier und ich suche noch immer nach den meinen, mit welchen ich diesen Brief hier füllen könnt. Ich blättere und zitiere in und aus poetischen (selbst-) Gesprächen, da ich selbst noch nie so richtig wusste wie ein Brief anzufangen sei. Ja, an dich da draußen, Tabakrauchend auf Holzbänken, in besetzten Gärten oder Tee und Kaffee schlürfend an Tischen in Straßenlabyrinthen, vernehmend den Groll des Donners, ankämpfend gegen die Tristheit von Gittern und Linoleumböden. An euch vielzählige, die mir schreiben. An uns, die wir zusammen stehen. An dich lieber Mensch, der das hier liest. 

Wieder diese Unsicherheit, die schon da war als ich selbst mal Briefe in die Knäste schrieb und die mir nicht verblasste mit dem Tag an dem ich selbst begann Haft kennen zu lernen. Sie, vermischt sich mit Scham, da es so wenige Briefe waren und es ist da ja ständig diese Frage ists genug? Unterlegt von einem pochenden Herz, stelle ich mir vor dieses seltene schreiben bei der RH- Ortsgruppe zu beichten.Scham, die sicher nicht zu ihrer Antwort passt oder der meinen: “Kopf hoch, angefangen ist´s ja eh, nur nicht Verzagen..“

Dieses schimmern barg erst in ihrem Auge, hielt mich fest mit jenem sorgenvollen Blick, aus dem sich Stirnfalten aufwallen.  Da war eine Sprechstunde, mir war verlegene Schüchternheit, konfrontiert mit ihrer Ernsthaftigkeit.. sie hatte nichts gemein mit dem „autoritären Ernst“ und seinen gewaltvollen Zügen, denen ich so oft zuvor begenet war. Nein, in den Stimmen lag keine Trostlosigkeit, keine Geste sprach von Unterlegenheit. Dieser Ernst war mir Ausdruck von Emanzipation, er, fähig die zerstörerische Wut so manches Gewittersturms zu begreifen, deswegen aber nicht scheu vor dem Blick aus dem Fenster. Menschen die auf Häusern in Jena die Dächer decken mit Vernunft und politischer Willenskraft. Menschen die Da sind. Sicherlich gekannt und vertraut von vielen, die sich einer bestimmten „Antifaschistischen Zivilgesellschaft“ verbunden fühlen und für die Glauchau oder Göttingen als Endstation auf Zuganzeigen steht oder die eben in Regiozügen sitzen, dessen Trassen sich an der Gera, der Saale und weißen Elster entlang schlängeln und dann zusammenfließen in der pulsierenden Metropolregion Halle-Leipzig, dort eine atempause von den rechten Hegemonieaussprüchen. Ein verschnaufen möglich, da das Wurzelwerk wie das tief verzweigte Netz aus Flüssen, Seen und Bächen ist. Mir ist weder nach Grenzen ziehen, noch danach Einzelne derer hervorzuheben, welche die wohl notwendigste Basisorganisation in Deutschland erblühen lassen, verzweigt und robust wie ein dorniger Schleenstrauch. Dies zu Erzielen vermögen hoffentlich andere, mit nahen Eindrücken und Erfahrungen, mit mehr als bloß Jahre alte Erinnerungen an fröhliche und diesweilen auch sehr ernsten Gesichtern, wie sie mir sind. 

Doch einmal bei der roten Hilfe angelangt, ist wohl doch noch zu erwähnen; die Notwendigkeit ihrer Existenz besteht seit über 100 Jahren und notwendig bleibt sie angesichts des giftvollen Erstarkens von reaktionärem und faschistischem. Doch darüber hinaus, glaube ich, dass ihre Notwenigkeit sich nicht alleine über ihre „Reaktion“ begreifen lässt, über das Schützen und verteidigen. Kaum ein Mü weniger notwendig wäre sie, säßen irgendwelche „linken“ an der Macht- ohne dies mit dem was heute geschieht gleichsetzen zu wollen –(wo liberale Demokratien mit dem Verlust (geglaubter) Selbstständigkeit konfrontiert sind). Dort ist (radikale) linke Selbstorganisation doppelt notwendig. Sie, die RH ist nicht nur schützender Dorn sonder auch ständiges Keimblatt der Emanzipation. Dort, wo Normalität das streben Einzelner nach Machtkonzentration bedeutet. Und mit ihnen im Konflikt stehende Freiheits- und Gerechtigkeitskämpfe nicht siegen wollen, nicht Machtpositionen einnehmen wollen, sondern Brücken und Ruinen, Wälder und Abschiebeknäste besetzen oder Feuertonnen auf Wagenplätzen entfachen. Sie Verhärten Kontinuität und bewahren zwischen Scheitern und Gelingen (dessen Ziel nicht das Herrschen ist). Also dürfen wir diese Struktur auch nicht verlieren, nachdem es gelungen ist, die Hass und neidvollen Erzählungen zu entzaubern und die Zündelnden und Profitierenden alleine im prasselnden Gewitterregen stehen. Sehnen wir uns nach Lebenswertem, ist es wohl keine Frage des Zweifelns sich als Mitglied einzuschreiben, die zwei Bier oder drei Limo zu spenden und selbst Hand zu reichen, bei all den organisatorischen Bedürfnissen.  

Fragst du dich warum ich mich hier heiser schreibe über die Notwendigkeit der RH, dann ist die Antwort nicht allein darin zu finden, dass ich im Knast und auf der Anklagebank sitze inmitten eines politischen Strafverfahrens. Und auch nicht darin, dass jedes Wort hier undenkbar wäre, gäbe es nicht seit dem ersten Tag Arrest Menschen, die unentwegt an meiner Seite stehen, sondern uns erst damit in Erinnerung zu rufen; sie waren es auch zu jeder Zeit davor und sind es auch für Dich (eine ständige Begleitung in dem was wir tun). Möchte ich nun ein Brief Über „politische Gefangenschaft“ schreiben, stelle ich –betrübt- fest, dass mein Blick einer mit Gittern im Fenster ist und das Substanz nur das hat, was von mir in den letzten zwei Jahren erfahren wurd ( und das davor, ist schwer zu trennen, aber ich schreib hier ja keine Memoiren…). Mir ist daher die Idee dir ein wenig von den gestrigen Tag zu erzählen. Eine Reise zwischen Knast und Gericht. Gewiss nicht auf der Suche nach Held*innengeschichten. Schlicht aus dem Glauben, dass unmittelbare ist uns begreiflicher, wo wir einander davon berichten und horchen wenn der Stift zögert und die stimme nicht mehr weiter weiß… Ich denke weder Repression und Gefangenschaft noch die zweifelnde Selbstfrage „(wann) bin ich politisch Inhaftierte*r?“ als womöglich auch ihre Beantwortung nehmen mit dem kalten, schneidend harten Metall von Handschellen ihren jeweiligen Anfang. Viel mehr bereits dort, wo das eigene „Sein“ als politisch handelndes begriffen wird.25 Jahre von mir, in denen erst wenig von all dem begriffen ist, aber wohl genug um zu wissen, dass gleichgültiges Abwenden tödlich ist und ein Hinschauen ein Konflikt mit dem Versagen, also auch ein Konflikt mit dem Staat.

Abseits von vernichten und vertreiben wollender Brandstiftung und nickender Gleichgültigkeit ist es auch ein gutmütiges Gehorsamsein, welches Knospen und Keimblätter erstickt, Wurzeln und Zweige abbricht, jenes verlierend, aus dem die Freiheiten der Morgigen wachsen. Wie die Konsequenzen auch aussehen mögen, in all ihren Facetten sind sie deine, meine und unsere Erfahrungen. Sie erzählen von der Fähigkeit dem Gehorsam zu entweichen, den Nachbarschaften die trotz rechter Hegemonieaussprüche in Gärten, Cafes und Gemeinschaft erblühen und die uns mit der „Fabrica dell’álienazione“ (Fabrik der Entfremdung) ausgetrieben werden sollen. Dies eben eine treffende Teil-, beschreibung zu dem was Knast ist, von Ilaria Salis, gefunden in ihrem Buch ‚Vipera‘. 

Nun ist mein bewusstes entscheiden „dafür“ seit geraumer Zeit mit abstumpfender Einzelhaft und körperlichem allein sein konfrontiert und wird lebhaft, wo Verhandlungstage anstehen oder ich aber „Nein“ sage, die „Pflicht“ aber gar kein Entweder Oder vorsieht. Dieser Mut, der um die Solidarität weiß, dem nicht vollkommen schutzlosen ausgeliefert zu sein und das inkaufnehmen von Verlust. 

Ich könnte dir den gestrigen Tag als ritualisierte Abfolge von Ereignissen beschreiben, so als würde ich ein Drehbuchentwurf mitschicken. Angefangen bei der Eisentür, sie flog pünktlich 8:30 Uhr auf, nach einem prüfenden Blick des Schließers durch die Sichtklappe. Es erschienen dahinter dunkelblau und schwarz gekleidete Menschen. Eine Meute umringt das Abtasten, Vorlesen von Verhaltensregeln und wirft tiefe, ernste Augenblicke, während die erbetene Unterschrift Verweigerung findet. In Bewegung gesetzt folgt der obligatorische Ärzt*innenbesuch, das Entkleiden, Fesseln und mündet im warten im Gang, darauf, dass sich Waffengürtel füllen. Zuerst ging es ein Stockwerk hinab, jetzt geht es wieder zwei hinauf. Treppen und ein schmaler Gang zwischen Metallgeländer und Zellentüren bis zu denen sich gerade öffnenden Türen mit den hundert Schlössern. Der Raum wird prunken, hohe Decken, Stuck, Wandgemälde und eine breite Treppe auf der sich erstes Lächeln trifft. Eilig in die Abstellkammer und auf blecherne Bitte des Richters in den großen Saal. Er sitzt in der Mitte, zur rechten die Staatsanwaltschaft und zur linken die Verteidigung. Womit nun ein Ritual im Ritual beginnt, ausformuliert in der Prozessordung und wunderbar karrikatiert von den bunten Roben. Beim gefesselten Klobesuch in der Mittagspause wird klar; Nun spielt sich alles in etwa Rückwärts ab, gespiegelt bis am späten Nachmittag die schwere Eisentür wieder ins Schloss fällt. Hier treffe ich auf Müdigkeit. 

Dazwischen wäre sicher Platz für die ein oder andere Sonderbarkeit. Da war der Vermummte, keine 20 Jahre alt, lief vor mir die Treppen hinab wie eine auf die Hinterbeine gestellte Spinne. Und schrie mich dann an als ich „Nein“ sagte zum Entkleiden. Oder sein verblüffter Blick als ich später auf eine Klokabine bestand, in der sich zumindest eine Tür anziehen lässt, zwischen Leine haltenden Beamten und meiner Wenigkeit, gefesselt auf dem Klo. Im Saal gab es ein langes stöhnen müder Augenlider als die Staatsanwaltschaft Anträge verlas, die in keinem Wort etwas mit den drei angeklagten Menschen zu tun hatten, die Verteidigung schwieg. Jedoch wohl oder übel eine Unverständlichkeit, solange ausschweifende Erklärungen ausbleiben. So bleibt mir davon zu Berichten, für dessen Begreifen oft schon ein geteilter Blick genügt, der entschiedenen Mitmenscchlichkeit. Sie ist zeitlos, weilt und gedeiht egal welche Urteile gesprochen werden. Das was ich hier erfahre nur ein winziger Bruchteil. Trotzdem wünsche ich mir, du könntest mit mir auf diesen Tag zurückblicken, hin zu den Gesichtern die hinter mir auf den Rängen saßen. In diesem hell erleuchteten Raum würdest du sie spüren, jene Angst vor den vielen Jahren, davor wohin es führt, dass die Staatsanwaltschaft ein abschreckendes Exempel und die Höchststrafe verlangt. Angst, die zittert, unter der vertrauten Freude einander kurz ganz nah zu sein. Mir ist der Wunsch du könntest die Gefährt*innen und Genoss*innen sehen aus meinen Augen. Hören das lieblich erwiderte: „bis bald“, welches mir so voller Gewissheit kräftig nacheilt. Nicht weniger gewiss war´s als Mensch meinte von draußen die Parolen zu hören, in einem Moment der Langeweile. Gewiss, das sie noch immer durch Gassen schallen, nur eben ferner. Nicht hier vor dem Gericht, da in in Budapest alle Kundgebungen verboten werden. 

Und wenn du jetzt nochmal mit mir an dieser Wand lehnen könntest, den einzelnen Menschen bewundernd, der sich alleine hinunter schlich. Zierlich im Kontrast zu den Beamten in Vollmontur, die versuchen mein Schwesterherz weg zu drängen, dort aber Mensch sich an die gegenüberliegende Wand lehnt und sich Blicke trösten und umarmen, während sich für mich die Tür mit den hundert Schlössern öffnet. Wir aber wissen, das damit nichts Abgeschlossen ist. Weder verblasst Verbundenheit wo sie hinaus tritt in die Stadtluft, noch ist die Gefängniswelt fähig alle Solidarität auszusperren. Ihr erspühren ist viel sensibler als es die Metalldetektoren hier vermögen. Politisch Inhaftierte sind nie alleine. Gewiss stimmt dies nicht, denn es negiert jene Finsterheiten, in die kein Licht mehr vordringt und in den der Glaube an ein Jenseits fern des Vernichtenden zersplittert, wie das Holz eines vom Blitz getroffenen Baumes; Sonst gäbe es die Notwendigkeit, ohne Frage, wohl aber nicht so eine atemlose, dringliche,  für den Tag an dem wir schreibend erinnern und zusammen finden. Gedanken schweifen zu den tausenden Inhaftierten, weltweit politisch Verfolgten. Eingekerkert, Misshandelt und Gefoltert, weil Queer, weil Widerspruch und Utopie, überleben in Gerechtigkeit und Rebellion. Den Gedanken bleibt der Wunsch von dem Menschen, welchen diese Gefangene ihren Atem verdanken zu Lernen. 

Bitte Verstehe diesen Brief nicht gleich als Einladung zum Revisionsprozess, einem Solifoto oder einer Geldspende. Auch wenn all dies wichtig ist, ja, Blicke hinüber nach Dresden und Düsseldorf, nach München und Paris, hinter Mauern und Grenzen. Nein, hier findets viel mehr eine offene Frage. Ebenso möchte ich damit, das ich versuche der Solidarität Gesicht zu verleihen, die Hoffnung aussprechen, das die Konfrontation mit (politischer) Gefangenschaft eine Keimstädte emanzipatorischer Wirklichkeit sein kann, gleich einem besetzten Stadtgarten oder den kollektivistischen Straßencafes. Ja, es sein will, oder muss. Das Briefe schreiben als gemeinschaftsstiftende Reaktion und Bewältigung auf die zumeist nur wenige unmittelbar treffende Repression, ist wohl kaum der Grund dafür, dass wir die Kraft finden, uns gegen eine politische Anklage auch politisch zu Verteidigen, ohne uns auf die der Staats (-vertretenden) gewünschten Choreographien ein zu lassen und unter ihrer Gewalt zu brechen. Der Grund ist jener, dass ich meine mir gewiss sein zu können, damit Niemand alleine zu lassen. Gelingt es uns auch niemand vor dem „Unglück“ alleine zu lassen? Fragmenthaft bleibt hier meine persönliche Geschichte. Die entscheidenden Fragmente und Geschichten für das Aushalten von und gegen politische wie ökonomische Macht werden woanders erzählt, dort, wo sich unsere unbekannten Gesichter treffen. Sicher ist’s eine endlos lange Liste, fange ich irgenwo an denke ich an die soli mit, für und unter den Betroffenen, an jene die aufgerissenen Lücken mit Kämpfen für gerechteres füllen. Auch denke ich an die Familieninitiative in unserem Verfahren, an Solikreise,-gruppen und Vereine, an solidarische Märkte, Konzerte und Bars. Auch an die Erschöpfung dort und die Wut und Trauer. Das Verbündete, schreibende, wackelnde und tanzende. Ich denke an das lächeln meiner Mama, das bleibt, während die gerufene Parole in den Häuserschluchten verhallt. 

Gedanken streifen zu „meine Memoiren- 10Jahre, 3 Monate und 120 Stunden im Gefängnis“ von Dolores Botey Alonso und ihrer Tochter Catalina Paris Botey, die wie im Nachwort von ihr erzählt, erst mit wenigen und dann immer mehr Menschen die Erinnerungen ihrer Mutter, welche eindrücklich im Namen all der Gefangenen, Gefolterten und getöteten des Franco Regiemes, erzählt, lebendig hält. Jahre, Jahrzehnte lang, wenn nicht ewig. Sie bleiben haften an der Hoffnung, das wir, (wollen wir das sich grundlegendes ändert, geschaffenes und errungenes Gefängnisstrafen überdauert) du und ich dort lernen und dort mit anpacken könne sobald wir uns Zeit nehmen hin zu schauen und dort zu lauschen, bei den zusammenhaltenden, wahrnehmend die Erfahrung und Worte von Menschen. 

Es ist die Frage danach wie gelingt die kollektive Erzählung und ich weiß zur Antwort bringt mich nicht das lesen der Briefe von Gramsci oder Rosa Luxenburg oder das Buch von Ilaria Salis, sondern das als politisch handelnd begriffene „Sein“ von Eltern und Arbeitskolleg*innen, von Geschwistern, Kellner*innen und Nachbar*innen, zwischen Stadtteil, Flussufer und Dorf.  Mit Sicherheit findet sich hoffender Mut zwischen Alexei Navalnys Zeilen, wo er -in Sibirien, so nah dem Gefangenenaustausch und Freiheit- anschrieb gegen Opportunismus, entrückend der UngewissheitDies gelang, da er Kraft in unmittelbaren Auseinandersetzungen und der Verbundenheit fand und doch sind es mir die Stimmen und Gesichter derer Genoss*innen, welche mich erreichen, stehe ich erschöpft und alleine im Hofgehege, die mir ehrlich und nüchtern von der Last der Entfremdung sowie der Erfahrung „Knast“ und Haft berichten, dort wo sich unsere Wege begegneten im alltäglichen. Angst verschwindet nicht, wohl aber ist ihre Konfrontation erlebbar, genauso wie ein kollektives Ausweichen! Mit ihnen verstand ich, dass Knast (in unserem Breitengrad) nicht sehr weit entfernt von dem individualisierten, neoliberalisiertem Platznehmen in Bequemlichkeiten und das Kämpfen darum, daran Teil zu haben, so wie Staat und Markt es uns lehrt, nur noch Isolierter und unter sichtbaren Zwang. 

Geholfen hats beim bewussten Entscheiden „Dafür“. Dies ist keine Hafteinladung sondern viel mehr eine Selbstfrage des „Wofürs“ und warum. Eher 20 jahre riskieren als zwei drittel davon gegen Geständnis, dass die Erzählung der Staatsanwaltschaft untermauert. Womöglich, da „Sie“ (Scharf und unversönlich gesagt) mir da “Draußen“ nichts zu bieten haben. Ohne Frage, da sind individuelle Erfolgskarrieren die unglücklich machen und Opportunismus mit dem es sich bequem leben lässt. Oder aber ich frage nach, was Jorge Semprun mit den Worten „vielleicht war das Leben selbst qualvoll, einerlei wo, einerlei unter welchen Umständen“ meinte sie, zu finden in seinem Buch; „Was Für eine schöner Sonntag“ Frage jene, die mir grade Ganz nahe stehen, ob sie das ähnlich sehen. Ihre Antwort kenne ich (noch) nicht, vielleicht. Ja du? Zwischen den Zeilen und Tagen meine ich zu begreifen, dass ihr „politisch Sein“ oft nicht das meine ist und das -oh wunder- bei der Konfrontation mit politischer Verfolgung und Haft, Genoss*innenschaft, also das gemeinsame politische Handeln, breiter und fürsorglicher gedacht werden muss als vorher vermutet. Es entfremdet sich das, -oder verzweifelt- was sich verlassen fühlt. Ob von Zeit, Geld, Schutz oder Kraft, verloren der Halt. Notwendig ist´s, im Geiste der RH, progressives, selbstermächtigendes Handeln schon im Vorher als unser Aller zu begreifen, egal wie weit unser Konkretes „Dafür“ auseinander liegt. Es gibt Verhältnisse für die ich mich heute Wortlos fühle, bitte entschuldige dies.  Unterm Wort liegt jedoch so viel mehr ganz nah unmittelbar, spür- und beeinflussbar, hier auf Station, dort im Stadtteil unter dem erlaubten Kontaktformular und dem „Ja“ zur kollektiven Verantwortungsübernahme dort spüre ich resilienz, die mehr ist als Widerstand, die mich bewahrt vor Entfremdung auch wenn Wort und Gefühl abstrakter werden, gebracht zum Wunsch, dass du mir Erzählst wie ihr das macht? Worte die dann vielleicht erzählen von dem facettenreichen “wir“.

 Jenes, dass etwas bietet, sodass stets neue Zuversicht keimt, mit ihr Mut zur Freiheit. Mir ist danach zu begreifen, und davon zu lernen, also bleibt mir für diesem Brief ein Dank an jene, die dies hier bereits tun, die vor und nach mir schreiben, zeigen und Berichten. Ein Dank an jene die kuratieren und verteilen, ein Dank an dich und deine Gefährt*innen, ein Dank an alle Gefangenen, politisch, widerständig und sozial, die nicht schweigen sondern Teil emanzipatorischer Kämpfe sind, die nicht verbittern oder Brechen, ja, seid bloß weiter Blumen in Mauerritzen, das ihr alle möglichst bald Frei seid! Con i pienzieri d’amore, a presto, mi farro viv* Maja