Als 2. Zeuge ist Pierre Beuthe am 3. Februar geladen. Er wurde am 12.1.2023 zusammen mit einem weiteren Neonazi in Erfurt geschädigt und ist auch Nebenkläger gegen die sechs Angeklagten.
Er erscheint mit seiner Anwältin Barbara Hüster, bekleidet ist er mit einem Pulli der Marke Thor-Steinar, den er ablegt. Als die Verteidigung das Gericht auf den Pulli aufmerksam macht, spricht der VR in Rätseln: Er würde ja etwas sagen wollen zum Erkennen der Marke Thor-Steinar, aber “da würde er Ärger kriegen”.
Pierre Beuthe antwortet auf die Fragen des Richters eher wortkarg. Seine Funktion in der rechtsradikalen Partei beschreibt er als nicht hervorgehoben, er habe vor dem Angriff am 12.1. schon den Austritt aus der Partei erklärt, ihn aber erst nachträglich wirklich vollzogen.
Er berichtet, dass er mit seinem Kollegen Raßbach stets denselben Arbeitsweg nahm. Am 12. Januar sah er zwei Personen, von denen eine bereits vermummt war und die andere gerade dabei war, sich zu vermummen. Dann hätten zwei oder drei Personen plötzlich von hinten mit Schlägen und Tritten angegriffen. Weil es sich härter als Faustschläge anfühlte, nimmt er an, es wurden Gegenstände benutzt. Er wurde mehrfach getroffen – am Kopf, am Ohr, am Rücken, an den Armen und Beinen und im Gesicht. Er berichtet, er hätte nur zum Ende hin gehört: “Hast du ihn schon auf den Kopf geschlagen?” und bestätigt, dass er etwas “Stumpfes am Kopf” spürte, “wie eine spitze Axt oder einen Hammer”. Weil alles so schnell gegangen sei, konnte er nicht sagen, wie viele Personen beteiligt waren oder ob sich die Zusammensetzung der Gruppe im Lauf der zwei Minuten veränderte.
Er war danach ein Jahr lang krankgeschrieben, als gesundheitliche Folgen beschrieb er, sein Trommelfell habe ein Loch gehabt, Nervenstränge seien taub und er habe ein Taubheitsgefühl in der linken Gesichtshälfte. Der Schädelbasisbruch habe keine Folgen hinterlassen, auch psychologisch sei alles wieder halbwegs in Ordnung, er gehe aber nicht mehr in große Menschenmengen, in ärztlicher oder psychologischer Behandlung sei er nicht. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er bei dem Angriff gedacht habe, “die bringen mich um, oder die wollen mich zusammenschlagen?” antwortet Beuthe, er dachte erst, die wollen ihn zusammenschlagen, später habe er Todesangst gekriegt.
Er sagt, er wisse nicht, warum der Angriff aufgehört hat, wollte aufstehen und arbeiten gehen, aber andere sagten zu ihm, er solle sitzenbleiben. Er konnte nichts sehen wegen des Pfeffersprays, das er abbekommen hatte, als er zu Boden ging. Von den Angreifern hatte er niemand mehr gesehen.
Der GBA will wissen, ob er seine Arbeitstätigkeit wegen des Überfalls gewechselt habe. Die Gebäudereinigung hatte Beuthe damals in der Probezeit gekündigt. Er hatte aber dort sowieso aufhören wollen, weil er wieder als Lagerist arbeiten wollte. Auch habe er sich dort „nicht mehr sicher“ gefühlt. Auf Nachfrage der GBA ergänzt er, dass im Betrieb niemand konkret den Vorfall als Kündigungsgrund erwähnte.
Der GBA will auch die Erinnerung an eine weibliche Stimme wieder wachrufen, aber Beuthe erinnert sich heute nicht mehr daran, dass er so etwas bei seiner Befragung gesagt haben soll.
Verteidigerin Kostik fragt nun genauer nach den Gründen, die Partei zu verlassen, die Beuthe einsilbig beantwortet. Er habe wegen “Unstimmigkeiten” die Partei verlassen, sei mit gewissen Leuten unzufrieden gewesen, weil die nicht gemacht haben, „wie wir es wollten“.
RA Kostik zitiert aus einem Chat zwischen Beuthe und Raßbach: “Mir egal was die machen, ich schau Samstag kurz vorbei und dann war’s das, egal ob ich Verräter genannt werde, viele sind nicht bereit, den Weg zu gehen, den wir gegangen sind.” Beuthe erläutert, wer “die” sind: “Die höheren, die über uns standen, die Parteiführung, die haben gewisse Sachen gemacht, die nicht funktionieren, geschweige denn akzeptabel sind.”
