»Hallo zusammen, Genossinnen und Genossen, ich grüße alle, die heute hier anwesend sind und mir während dieser Zeit nahestanden, all jene, die für mich gekämpft haben und weiterhin kämpfen. Ohne eure wertvolle Hilfe hätte ich all diese Prüfungen nicht durchstehen können. Ich habe mich niemals allein gefühlt, und das ist das schönste Geschenk, das ihr mir gemacht habt.
(Am 30. September versammelten sich Hunderte Antifaschist*innen, darunter etliche Unterzeichner*innen des internationalen Appells gegen die Auslieferung, im Gewerkschaftshaus am Place de la Republic in Paris, um ihre Solidarität mit Gino und Zaid sowie alle verfolgten Antifas in Europa auszudrücken.)
Ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich heute nicht unter euch sein kann. Ich befinde mich derzeit gemeinsam mit meinen Anwälten in einer Krisensitzung, um die nächsten Schritte nach der Entscheidung des Kassationsgerichts vorzubereiten. Wie ihr wisst, hat das Gericht heute meine Auslieferung nach Deutschland genehmigt. Ich hatte damit gerechnet, wir hatten damit gerechnet, wir waren nicht überrascht. Diese Auslieferung ist eine politische Entscheidung, wie es alle gerichtlichen Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Fall von Budapest gewesen sind.
Die Verfolgung ist offensichtlich, da sie mit der absurden Theorie der kriminellen Vereinigung begründet wird. Sie ist ein weiteres Beispiel für die Kriminalisierung des antifaschistischen Kampfes, die sich von Amerika bis nach Europa ausbreitet. Die heutigen Verurteilungen von Maja und Gabriele in Budapest sowie die Situation der anderen Genossinnen und Genossen, die in diesem Fall verhaftet und beschuldigt wurden, stehen im Zusammenhang mit dem gegenwärtigen Klima der Verfolgung von Antifaschistinnen und Antifaschisten. Die Terrorismusverfahren gegen Antifaschistinnen und Antifaschisten, die in den Vereinigten Staaten in Prairieland verhaftet wurden, die Aufnahme des Kollektivs Autistici/Inventati in die Liste terroristischer Organisationen und die Sperrung seiner Konten sowie der Konten von Rote Hilfe in Deutschland – all das macht das herrschende Klima deutlich. In Frankreich befinden sich im Zusammenhang mit dem Fall von Lyon noch immer zwölf Antifaschisten in Haft, nachdem im vergangenen Februar ein neonazistischer Aktivist ums Leben gekommen war.
Antifaschistisch zu sein und sich der Entwicklung unserer heutigen Gesellschaft entgegenzustellen, kann sich nicht länger auf Worte beschränken. Es bedeutet vielmehr, Verantwortung zu übernehmen, die schwerwiegende Konsequenzen haben kann. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Ich bin albanischer Staatsangehöriger, bin aber in Italien aufgewachsen, wo ich seit meinem dritten Lebensjahr lebe.
Meine Familie ist albanisch, aber sie ist auch italienisch. Ich selbst bin es nicht. Auch Zaids Familie ist deutsch, er selbst ist es nicht. Dieses Privileg wurde uns nicht gewährt. Wir sehen uns nicht als Opfer, aber uns ist bewusst, dass das Leben von Migrantinnen und Migranten, die sich für den Kampf entscheiden, von solchen Erpressungsversuchen geprägt ist. Wir hätten europäische Staatsbürger werden können, wenn wir geschwiegen hätten. Aber das war nicht die Entscheidung, die wir getroffen haben.
Die Kriminalisierung des Antifaschismus ist untrennbar mit der Kriminalisierung von Migrantinnen und Migranten verbunden. Das sehen wir sowohl in Europa als auch in Amerika, wo die Braunhemden von ICE ihr Unwesen treiben. Alles scheint sich in die falsche Richtung zu entwickeln, und dennoch: Und dennoch haben wir erlebt, wie sich Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus mobilisiert haben, wie sie an unserer Seite standen und für uns und andere gekämpft haben. Und dennoch haben wir eine Solidarität erlebt, die nicht nur Fassade war, sondern tatsächlich gelebt wurde. Wir sind nicht allein, und wir waren es niemals. Und dennoch haben wir angesichts von Situationen, die von vornherein aussichtslos erschienen, enorm viel Mut erlebt. Und vor allem haben wir die kollektive Verantwortung all jener erlebt, die jedes Mal zur Stelle waren, wenn es notwendig war.
Wenn ich mich in Deutschland dem Gefängnis stellen muss, werde ich dies in der Überzeugung tun, dass wir weiterhin gemeinsam Widerstand leisten werden, so wie wir es in der Vergangenheit niemals aufgegeben haben. Unsere kollektive Verantwortung besteht heute, hier, darin, zu wissen, dass nichts zu Ende ist, dass der Antifaschismus nicht besiegt ist, sondern ein andauernder Kampf bleibt.
Heute, hier, erneuern wir – ich und ihr, wir alle – das Versprechen, für all jene da zu sein, die kämpfen und künftig kämpfen werden. Wir sind und werden für Zaid da sein. Wir versprechen uns gegenseitig, dass niemand allein gelassen wird. Ich werde den Kopf hochhalten.
Ich liebe euch. Gino.«
