Die kontinuierliche Präsenz ungarischer Neonazis in und vor dem Gericht verdeutlicht die Notwendigkeit solidarischer Prozessbegleitung. Am zweiten Prozesstag, den 06.03.2025, versammelten sich bereits früh morgens bis zu hundert Mitglieder der rechtsextremen Gruppe „Betyársereg“ („Armee der Außgestoßenen“) vor dem Eingang der Schule direkt gegenüber dem Gerichtsgebäude zu einer stillen Kundgebung. Die Gruppe inszeniert sich als paramilitärische Bürgerwehrorganisation und trägt T-Shirts mit der Aufschrift „Nur der Tod kann der Lohn für Einwanderer sein“. Sinn und Zweck ihrer Selbstdarstellung ist die Einschüchterung politischer Gegner*innen, kritischer und solidarischer Prozessbegleiter*innen, Presse und von Majas Freund*innen und Familie. Etwa dreißig Mitglieder der Gruppe setzten sich kurz vor Verhandlungsbeginn in den Gerichtssaal und verließen diesen dreißig Minuten später geschlossen.
Nur wenige neonazistische ProzessbeobachterInnen beweisen mehr Ausdauer. Am 06.03. waren die Neonazis Tamás Lipták und Balázs Nárai als vermeintliche Journalisten im Gerichtssaal. Beide sind wichtige Kader der neonazistischen „Légió Hungária“, die enge Verbindungen zum „Hammerskin“-Netzwerk hat, und waren zuvor bei der rechtsextremen Miliz „Hatvannégy Vármegye Ifjúsági Mozgalom“ (kurz HVIM, zu Deutsch „64 Gespanschaften“) organisiert. Tamás Lipták war bei fast allen Peozessterminen anwesend, in wechselnder Begleitung. Der Neonazi „berichtet“ kontinuierlich für eigene Neonazi-Szenemedien über den Prozess und die mit Maja solidarischen Proteste. Tatsächliche Journalist*innen sind leider vergleichweise wenige vor Ort.
Fast schon ironisch ist auch das Auftauchen des Rechtsterroristen György Budaházy in den Zuschauerrängen, der für zahlreiche Brand- uns Sprengstoffanschläge zu siebzehn Jahren Haft verurteilt wurde. Er wurde anlässlich eines Papstbesuches von Viktor Orbán der ehemaligen ungarischen Präsidentin Katalin Novák (Fidesz) persönlich begnadigt. Prozesstagen am 18.06. und 20.06. waren weitere aktive HVIM-Mitglieder im Gericht. Sie hatten bereits an anderen Terminen vor dem Gericht auf aufdringlichste Art und Weise Personen abgefilmt und führten dies im Innenraum des Gerichtssaals fort.
Gegen die Neonazi-Präsenz im Gericht stehen die Freund*innen und Familie von Maja sowie weitere solidarische Prozessbegleiter*innen, die an jedem Termin Maja zumindest ein klein wenig den Rücken stärken können. Angesichts der Isolationshaft und der psychischen Folter, der Maja im Gefängnis, das sich im selben Gebäude wie der Gerichtssaal befindet, ausgesetzt ist, sind diese vergleichsweise kurzen Momente der Blickkontakte mit freundlichen und bekannten Gesichtern unfassbar wichtig. Obwohl der Richter mittlerweile jegliche Reaktionen aus dem solidarischen Publikum auf Aussagen im Gerichtsprozess, oder Solidaritätsbekundungen mit Maja, mit einem Verweis aller Zuschauer*innen aus dem Saal zu sanktionieren droht, bleiben „Free Maja“-Rufe und Klatschen am Ende eines jeden Prozesstages möglich.
Obwohl die konkrete Anzahl der Neonazis an jedem Prozesstag schwankt und somit auch ihre Repräsentation verschiedener Neonazi-Gruppen, müssen Prozessbeobachter*innen mit Pöbeleien und dem Abfilmen vor dem Gericht rechnen. Es ist aber möglich, sich vor den Kameras der Neonazis zu schützen. Auf dem Weg ins Gericht und zur Soli-Kundgebung kann man sich vollständig vermummen. Sobald man sich auf der angemeldeten Kundgebung befindet, muss die Vermummung abegnommen werden. Dort ist durch verschiedene Transpis aber ein sehr guter Sichtschutz gewährleistet. Im Gericht ist das Tragen einer FFP2-Maske erlaubt, teilweise auch das Tragen einer Kopfbedeckung. Die Soli-Kundgebungen vor dem Gericht, die an zwei Tagen auch durch kleine Demonstrationszüge zum Kundgebungsort ergänzt wurden, fanden an fast jedem Prozesstag statt und sind eine gute Möglichkeit, Maja von draußen ein paar liebe Worte oder Lieblingslieder hören zu lassen.
Was sich bei den Neonazi-Kundgebungen vor Gericht zeigt, ist ein gut vernetztes lokales Neonazi-Netzwerk, aus „HVIM“, „Legió Hungaria“,“Blood and Honor“ und „Betyársereg“. Hier traten auch immer wieder Akteure auf, die international bestens vernetzt sind. Der eingangs erwähnte Balázs Nárai referierte etwa bereits 2016 bei der Wiener Burschenschaft Olympia. Außerdem war am 20.06. ein ungarischer Neonazi im T-Shirt von „Der III. Weg“ anwesend. Beides sind Beispiele für die Internationalen Kontakte der ungarischen Neonaziszene, insbesondere auch zu extrem Rechten Gruppen aus Deutschland und Österreich.
