Erklärungen einiger Angeklagter im Budapest-Komplex

Am 14. Juli 2026 haben sich die sechs angeklagten Antifaschist:innen vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf geäußert. Sie haben Teilgeständnisse abgelegt, indem sie sich auf Beweismaterial selbst identifizierten, und sich anschließend politisch bekannt. Wir veröffentlichen im Folgenden die politisch relevanten Auszüge aus den Erklärungen von vier Angeklagten. Wir wünschen uns, dass die Erklärungen breit in der Bewegung diskutiert und im antifaschistischen Kampf und in der Solidaritätsbewegung verwendet werden.

Erklärung von Moritz

Hiermit erkläre ich, dass ich auf den Tatvideos vom Gazdagrétiplatz vom 10. Februar 2023 als die in der Akte als Moritz bezeichnete Person zu erkennen bin.

Im Rahmen dieser Einlassung möchte ich auch auf den gesellschaftlichen Kontext eingehen, in dem dieses Verfahren stattfindet.

In Deutschland, aber auch in weiten Teilen Europas und der Welt befinden sich rechte und faschistische Bewegungen im Aufschwung. Rechtsextreme Parteien können vielerorts einen großen Teil der Wählerschaft oder sogar Regierungsverantwortung für sich beanspruchen. Gleichzeitig erstarkt auch rechte Subkultur, die organisierte Neonaziszene und der Rechtsterrorismus. In vielen Teilen Deutschlands führt das zu einer konkreten Alltagsbedrohung. Besonders in Ostdeutschland, wo seit den 1990iger Jahren gut vernetzte militante Neonazistrukturen verbreitet sind.

Menschen, die dem Feindbild von Faschist:innen entsprechen oder sich ihrer Politik aktiv entgegenstellen, erleben verbale und körperliche Gewalt. Gewalt, die immer wieder die Ermordung von Menschen zum Ziel hat. Die antisemitischen und rassistischen Anschläge von Halle und Hanau, in den Jahren 2019 und 2020 sind nur zwei Beispiele von vielen. Aus dieser gesellschaftlichen Realität resultiert die Notwendigkeit für konsequentes antifaschistisches Handeln.

Dem so genannten „Tag der Ehre“ kommt in dieser Hinsicht eine besondere Bedeutung zu. Handelt es sich doch um das größte Neonazistische Treffen Europas der vergangenen Jahre. Unter dem Deckmantel eines historischen Gedenkens wird der Nationalsozialismus offen verherrlicht. Es ist nicht nur eine Gelegenheit, um tatsächlich die Gewalt auszuüben, die faschistischer Ideologie inbegriffen ist.

Es ist in erster Linie Gelegenheit zur Raumnahme und intensiven internationalen Vernetzung, auch mit der militanten und rechtsterroristischen Neonaziszene. Für mich galt es dem entschieden entgegenzutreten.

Dass ich und meine Mitangeklagten nun durch die Bundesanwaltschaft vor einem Oberlandesgericht angeklagt sind, dass der Vorwurf des versuchten Mordes erhoben und eine besondere Bedeutung für die Bundesrepublik Deutschland fantasiert wird, ist absurd. Es offenbart die politische Motivation der Bundesanwaltschaft. Nicht nur sollen möglichst hohe Strafen erwirkt werden, die ein Exempel statuieren und von antifaschistischer Praxis abschrecken. Nein, es ist auch der Versuch in die öffentliche Debatte um Antifaschismus, dessen Notwendigkeit und Formen einzugreifen und sie zu eskalieren. Grund dafür ist der Umstand, dass die Taten, als selbstbestimmtes, politisches Handeln, aus Sicht der Bundesanwaltschaft, das Gewaltmonopol des Staates infrage stellen.

Dabei ist offensichtlich, dass diese antifaschistische Praxis eben nicht auf die Tötung von Menschen ausgerichtet ist: Im Gegenteil, ihr liegt ein Weltbild zu Grunde, dass die Gleichwertigkeit aller Menschen als Kern und das Ideal einer besseren, freieren und gerechteren Gesellschaft zum Ziel hat.

Erklärung von Nele

Ich, Nele Aschoff, bin bei den Angriffen am 09.02.2023 auf die Neonazis Pal Liptak Tamas im Budapester Westbahnhof, sowie Rafael Robert Baran, Justyna Malgorzata Baran und Bartomiej Fabian Wilk auf dem Fövam Platz, sowie Zoltan Toth auf dem Gazdagreti Platz auf den Tatvideos zu erkennen und bin die in den „Tatvideos“ in der Akte als „Nele Aschoff“ bezeichnete Person.

Die Bundesanwaltschaft wirft unter anderem mir vor, den potentiellen Tod der Geschädigten „billigend in Kauf genommen“ zu haben. Diese Darstellung von Gleichgültigkeit gegenüber eines Menschenlebens ist für mich nicht hinnehmbar. Für all jene, für die es nicht offensichtlich ist, dass dieser Anklagepunkt politisch motiviert ist, der Denunzierung und Abschreckung dient, möchte ich hier noch einmal deutlich betonen das eine mögliche Todesfolge keinesfalls „in Kaufgenommen“ wurde. Im Gegenteil, der Tod der Angegriffenen musste sicher ausgeschlossen werden. Dies war essentiell für mein Handeln.

Ich wurde 2002 in Weimar geboren und bin als eine von vier Töchtern in Jena aufgewachsen. Da meine Mutter ungarischer Herkunft ist, habe ich seit klein auf jedes Jahr mehrere Wochen bei meiner Familie in Budapest verbracht. Ich hatte also nicht nur in Deutschland, sondern auch in Ungarn ein Zuhause.

Jena ist eine mittelgroße Stadt in Ostdeutschland und wer länger dort gelebt hat, kennt ihre kontrastreiche Geschichte. In den 90er Jahren geprägt von rassistischer und neonazistischer Gewalt, stellte Jena einen zentralen Umlaufpunkt für Organisatoren der militanten rechten Szene in Thüringen dar und wurde zur Geburtsstadt des sogenannten „NSU“, der zwischen 2000 und 2007 mindestens 10 Menschen ermordete.

Vor diesem Hintergrund hat Jena später aber auch eine Stadtkultur entwickelt, die sich gegen Geschichtsvergessenheit und rechte Mobilisierung wehrt.

Als in Folge des Krieges 2015 tausende Menschen nach Deutschland flohen, erstarkten erneut neonazistische und rassistische Aktivitäten und Kampagnen, was sich u.a. auch in Form von großen Thügida-Demonstrationen in Jena zeigte. Diese Demonstrationen und Gegenproteste waren prägende Ereignisse für mich und in den Jahren darauf habe ich in verschiedenen Unterkünften für Geflüchtete mit Jugendlichen und Kindern gearbeitet.

Nach dem Abitur bin ich für sechs Monate nach Ungarn gezogen und habe ein Studium im Bereich „Animationsfilm“ begonnen. In Ungarn konnte ich aus nächster Nähe sehen, was staatlicher Geschichtsrevisionismus gepaart mit Rechtspopulismus in einer Gesellschaft anrichten, die sich auf Kosten einer verarmten Bevölkerung permanent selbst in der Opferrolle sieht. Dabei hat Ungarn, was seine Rolle im Zweiten Weltkrieg angeht, keinerlei Berechtigung für diese Opferrolle.

Ich weiß nicht mehr genau, wie alt ich war, aber irgendwann kam bei mir die Frage auf, warum meine ungarische Familie so viel kleiner ist, als meine Deutsche, in der ich 20 Cousins und Cousinen und mittlerweile noch viel mehr Großnichten- und Neffen habe. Irgendwie wusste ich schon warum, aber wie bei vielen Familien, die ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus machen mussten, wurde auch bei uns sehr wenig darüber gesprochen.

Sowohl auf Seiten meiner ungarischen Großmutter, als auch auf der meines ungarischen Großvaters gab es eine große jüdische Familie. Ein Großteil von ihnen wurde damals im Konzentrationslager, Arbeits- oder Vernichtungslager gebracht, aus denen sie nicht mehrzurückkehrten.

Mein Urgroßvater Attila starb als Zwangsarbeiter durch eine Bombe am Weihnachtsabend 1944. Sein Vater wurde auf dem Weg nach Auschwitz zu Tode geprügelt. Sándor und Ipoly kamen als Zwangsarbeiter in die Mine von Bor und schafften es später zu den Partisanen zu fliehen, Lehel kam an die Ostfront und schaffte es zu den sowjetischen Truppen zu gelangen.

Kolos starb am Tag der Befreiung des Lagers im Lager Günskirchen, Elöd im Lager Mühldorf, seine Frau war mit ihrem ersten Kind schwanger, auch sie kehrte nicht mehr zurück. Gellért war der jüngste Bruder meines Urgroßvaters. Als er 22 Jahre alt war und das Land voll war von deutschen Besatzern und ungarischen Kollaborateuren, hat er an einer Widerstandsaktion in Szabadka teilgenommen.

Gellért wurde nicht sofort gefasst. Er floh, aber als er erfuhr, dass stattdessen sein Bruder festgenommen wurde, den sie geschlagen und gefoltert haben, ist er in den Zug gestiegen und nach Szabadka zurückgekehrt, obwohl er wusste, dass er in den Tod ging. Als man ihn zur Hinrichtung geführt hat, hat es geregnet, er hat eine helle Hose und Lackschuhe getragen und ist sorgfältig um die Pfützen herumgegangen damit kein Schlamm auf ihn spritzt. Er wurde am 18. November 1941 hingerichtet, 15 Menschen wurden dort gehängt.

Von anderen weiß ich viel weniger. Dezső, Marika, Ilona, István, Rózsi ,Irma, Judit, János, Nóra und Sándor wurden aus dem Ghetto in Keszthely 1944 weggebracht und kamen nicht wieder. Sie waren Musiker, Anwälte, Zahnärzte, Journalisten, Arbeiter – oder auch Kinder. Ihre Namen findet man heute alle in Yad Vashem.

Mein Großvater, der Dichter war, hat ein Gedicht über seinen Onkel Gellért geschrieben.Es heißt:

„Wie komme ich dazu hierher zu kommen“
Nicht an die Spitze der Toten, sondern
hinter ihnen, stehe ich ratlos,
gehe einen Weg ohne Ziel,
ängstlich, vorsichtig, wie mein Onkel,
zwanzig Jahre alt, im Osterschlamm, als die
Ungarischen Gendarmen ihn in den Tod begleiteten,
zum Galgen, und freundlich zu meiner Großmutter sagten:
Na kommen Sie, gute Frau, Sie können sich noch von Ihrem
Sohn verabschieden. Meine Großmutter fiel in Ohnmacht.
Gellért umging sorgfältig die Pfützen:
Der Schmutz der Zeit trocknete nicht an seinen wackeligen Beinen.
Mein serbisch-jüdisch-ungarischer kommunistischer Onkel hielt seine
Lackschuhe für wichtig, wichtiger als alles andere und vor allem.
Wenn ich in Subotica die Ulica Gellért Perlová entlanggehe,
taumele ich: Wie komme ich dazu hierher zu kommen?
Was ist mein Dasein im Vergleich zu dem, wie er war?

Ich erzähle Ihnen davon nicht nur, weil meine Familiengeschichte natürlich ein Teil von mir ist, sondern weil es auch mit dem zusammenhängt, was jährlich in Budapest passiert. Wo sich Tausende zusammenfinden, um diejenigen zu zelebrieren und denen zu gedenken, die vor rund 80 Jahren, meine Familie – und hunderttausende weitere Menschen – umgebracht haben, die nicht in die Welt der Nationalsozialisten passten.

Das wollte ich nicht hinnehmen müssen. Vor allem dann nicht, wenn diese Zusammentreffen nicht nur dem sogenannten „Gedenken“ gelten, sondern auch der Fortführung der Ideen ihrer faschistischen Vorbilder.

Aufmärsche wie der Tag der Ehre sind nicht einfach nur Kostümpartys für Neonazis, sie stärken ihr Selbstbewusstsein, geben ihnen Aufschwung und ermutigen sie weiter, ihre Ideologie in die Praxis umzusetzen.

Mögliche Resultate von rechtsradikaler und nationalistischer Gesinnung sehen wir wieder und wieder aufs Neue, wenn Menschen erschossen, Heime angezündet oder Synagogen gestürmt werden.

Die Erkenntnis, dass ich eigentlich auch zahlreiche Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen auf der ungarischen Seite meiner Familie hätte, dass wir neben all den Weihnachten in Budapest vielleicht auch andere Feste gefeiert hätten, hat mich geprägt. Die Verbrechen der Nazis wurden für mich nochmal in dem Sinne greifbarer, dass sie konkrete Spuren in meinem Leben hinterlassen haben, die sich durch Abwesenheit zeigen.

Diese Abwesenheit hat mir ein starkes Bewusstsein dafür gegeben, wohin wahnhafte faschistische Ideologie führen kann.

Ich denke, wenn heute verleugnet oder verkannt wird, welche Bedrohung von faschistischen Kräften ausgeht,hat das nicht immer etwas mit falschen Absichten zu tun- sondern oftmals mit dem Mangel an solchem Bewusstsein.

Erklärung von Clara

Aufgewachsen bin ich in Hamburg, einer wunderschönen Stadt, in der aber auch soziale Missverhältnisse deutlich sichtbar sind. In meiner Familie spielte die Auseinandersetzung damit, mit Politik im Allgemeinen und das Einstehen für demokratische Verhältnisse eine alltägliche Rolle. Mir wurde früh mit auf den Weg gegeben, dass es wichtig ist, sich nicht nur um sich selber zu kümmern, sondern aufmerksam zu sein, was um einen herum passiert. Dabei war die Verknüpfung von Geschichte und Gegenwart und ihre jeweiligen Einflüsse auf die heutige Zeit immer wichtig. Gedenkstättenbesuche zum Beispiel, gehörten ganz selbstverständlich zu meinem Aufwachsen dazu. Für die meisten Leute ist die Zeit zwischen dem zehnten und dem zwanzigsten Lebensjahr sehr prägend. Man beginnt, eigene Interessen und Moralvorstellungen zu entwickeln. In diese Zeit fielen in meinem Fall verschiedene rechtsradikale Verbrechen.

Die Rechtsterroristischen Anschläge von Oslo und Ütöya. Jugendliche, nicht viel älter als ich, wurden regelrecht hingerichtet in einem Sommercamp, der sozialdemokratischen Partei. Die Taten des NSU wurden als Komplex bekannt. Es waren also Nazis, die den Hamburger Süleyman Taşköprü in seinem Laden, nicht weit von dort, wo ich wo ich aufgewachsen bin, erschossen haben.

Die eigentliche Tat lag zwar einige Jahre davor, aber als ich zehn war, wurden die ersten Ansätze des Komplexes bekannt. Der pinke Panther aus dem Fernsehen stand plötzlich in einem ganz anderen Kontext und zwar dem der verherrlichenden Selbstdarstellung, rechtsradikaler, menschenverachtender Morde. Das gesamte Ausmaß ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt.

Ich erinnere es als einschneidendes Erlebnis, dass solche Taten räumlich in unmittelbarer Nähe in meiner Stadt, in dem Land, in dem ich aufgewachsen bin, über einen langen Zeitraum möglich sind.
Das so etwas nicht ausschließlich in der Vergangenheit passiert. Etwas später folgten unter anderem auch noch die Ermordung Walter Lübkes durch einen Rechtsextremisten, weil er sich für einen humanen Umgang mit geflüchteten einsetzte und die rassistischen Morde und Angriffe von Hanau und Halle.

Das alles passierte, weil Menschen aufgrund von Herkunft, Aussehen oder Lebensweise nicht in das Weltbild anderer passen. Zum Tag der Ehre haben wir hier im Prozess Bilder und Videos gesehen. Ich denke, die sprechen für sich und ich muss dazu inhaltlich nichts mehr sagen. Für mich war es unbegreiflich, dass sich Nazis und Geschichtsrevisionisten dort in solch einem Ausmaß offen, unwidersprochen und staatlich unterstützt, versammeln, vernetzen und organisieren können. Ich wollte das so nicht hinnehmen und habe mich entschlossen, dieser Veranstaltung etwas entgegenzusetzen. Es sollte klar werden, dass so etwas nicht widerstandslos vonstattengehen kann.

Auf den Videos zu den Angriffen, auf dem Gazdagréti Platz, dem Fővám Platz und in der Bankstraße bin ich zu sehen. Ich habe mich auf den Bildern 1 bis 7 umkreist. Das sind screenshots aus den verschiedenen Videos. Bei der Bankstraße gibt es noch die Videos der Dashcam des einen Autos und das von der Straßenkamera, die in die Bankstraße filmt. Ich habe mir die Videos angesehen, kann mich darauf aber aufgrund der schlechten Qualität selbst nicht erkennen. Ich kann aber sagen, dass ich auf den Aufnahmen mit Sicherheit zu sehen sein muss.

Ich wollte diesem Treffen etwas entgegensetzen, aber nicht um jeden Preis. Meiner Meinung nach ist jedes Leben zu achten und niemand hat darüber zu entscheiden, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Natürlich auch ich nicht. Es ist zum einen eine Grundlage, meiner Überzeugung und zum anderen möchte ich auch ganz persönlich unter keinen Umständen jemandem das Leben nehmen.

Was mich an den oben aufgezählten Verbrechen nämlich mit am meisten betroffen gemacht hat, war, dass Leute sich die Entscheidung herausnahmen, dass andere kein Lebensrecht haben, einfach, weil sie nicht ihren Idealvorstellungen eines Menschen entsprechen. Ich weise den Vorwurf der Anklage, dass es mir egal gewesen wäre, ob durch das, woran ich beteiligt war, Menschen zu Tode kommen, deshalb entschieden zurück. Ich war mir bei allem sicher, dass es nicht zum Tod eines Menschen führt, sonst hätte ich mich nicht beteiligt.

Erklärung von Luca

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um noch ein paar Worte hinzuzufügen. Ich bin 2002 in Jena, einer Universitätsstadt in Thüringen geboren, aufgewachsen an verschiedenen Orten, bis wir, als ich in die siebte Klasse kam, wieder zurück nach Jena gezogen sind.

In den Jahren 2014 und 2015 gab es in Jena im Zuge der sogenannten Flüchtlingswelle regelmäßig Neonaziaufmärsche. In Erinnerung geblieben sind mir davon besonders einer zum Gedenken an Rudolf Hess, ein anderer zu Hitlers Geburtstag. Mit den damals massiven Gegenprotesten bin ich politisch aktiv geworden.

In einer Seminarfacharbeit für die Schule habe ich mich mit dem NSU, der in Jena entstand, beschäftigt. Somit auch mit dem Versagen staatlicher Institutionen bei dem Schutz von Migranten in Deutschland vor der Gewalt durch Neonazis und dem Versagen bei der Aufklärung der Verstrickungen deutscher Sicherheitsbehörden in den NSU-Komplex, das zehn Morde und mehrere Anschläge über einen langen Zeitraum ermöglichte. Als Jugendliche mit linker politischer Einstellung hatten wir es in Jena leicht, das wurde mir nach und nach bewusst, als ich Personen, die sich gegen Rechts engagierten und organisierten, aus anderen Gegenden Thüringens kennenlernte.

Man musste nicht weit aus der Stadt rausfahren, um an die Orte zu kommen, wo sich eine rechte Hegemonie durchgesetzt hatte. In Jena waren wir sozusagen auf einer kleinen Insel, während im restlichen Bundesland der Trend immer stärker nach rechts ging. Ob im ländlichen Raum oder in anderen Städten, die Situation war an den meisten Orten eine andere. Dort konnten sich Neonazis ungestört im öffentlichen Raum bewegen, während das für anderePersonen wieder zu einer Herausforderung wurde. Neonazis wurden akzeptiert, während geflüchtete Männer, Frauen und Kinder bedroht und attackiert wurden. Dort wurden Stadtteile zum Nazi-Kiez erklärt, wo bestimmte Personen fürchten mussten, angegriffen zu werden.

Der Osten Deutschlands ist meine Heimat. Ich habe mein ganzes bisheriges Leben dort verbracht und ich lebe gerne dort. An die Orte meiner Kindheit, mit denen ich viele schöne Erinnerungen verbinde, gehe ich heute jedoch mit gemischten Gefühlen. An diesen Orten herrscht mittlerweile eine breite Akzeptanz faschistischer Ideologie. Jeder Zweite, der mir dort über den Weg läuft, wählt eine Partei, die extrem rechte Positionen vertritt, den Nationalsozialismus verherrlicht und stolz darauf ist.

Das prägt das gesellschaftliche Klima. Unterstützt durch die Faschisten, die in den Parlamenten sitzen, durch einen sich weiter nach rechts verschiebenden gesellschaftlichen Diskurs, durch die Politik der aktuellen Regierung, die gegen Migranten hetzt, wird auch Gewalt durch Neonazis wieder zur Normalität.

Für ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt haben will, ist diese Entwicklung ein Armutszeugnis.

Gewalt, die von Neonazis ausgeht und Gewalt gegen Neonazis lassen nicht gleichsetzen. Neonazis vertreten eine Ideologie, die auf der Vorstellung der Ungleichwertigkeit von Menschen basiert und die Unterdrückung und die Vernichtung jener Menschen zum Ziel hat, die als weniger wert angesehen werden. Gewalt ist ihrer Ideologie also immanent. Neonazistische Strukturen stellen nicht nur eine Gefahr für einzelne Menschen und bestimmte Bevölkerungsgruppen dar, sondern auch für unsere gesamte Gesellschaft.

Antifaschismus ist kein Terrorismus, sondern eine konsequente und notwendige Auseinandersetzung mit dem Wiedererstarken faschistischer Strukturen und der alltäglichen Gewalt, die von Neonazis ausgeht.